Rabengeschichte

Der Rabe als Verführer

Diese Geschichte erscheint zeitlos und zutiefst mit der gesamten Entwicklung auf unserem Planeten verknüpft. Sie spielt in den kalten Gebieten der Arktis, dort, wo die Inuit oder Eskimo leben. Und sie erzählt von einem Mann, der als Witwer alleine mit seiner Tochter Sedna in einem Iglu lebte. Sedna war so schön, dass alle Eskimomänner sie zur Frau haben wollten. Aber keiner war ihr gut genug, und so lehnte sie alle, die kamen und um ihre Hand anhielten, ab.

Die Winter waren streng und kalt, und aus Gründen des nackten Überlebens machte der Vater nach einigen, für ihn unverständigen Fehlversuchen, seine Tochter darauf aufmerksam, dass er sie dem nächsten Freier zur Frau geben werde. Er hielt sein Wort, und übergab Sedna einem gut aussehenden und sehr adrett gekleideten Mann, welcher ihr ein schönes  Zuhause und Verwöhnung auf allen Ebenen versprach.

Auf ging es, hinaus in die Weite. Und als sie nach einer entbehrungsreichen Reise schliesslich im Zuhause ihres Bräutigams ankam, musste Sedna erkennen, dass sie im Nest eines Raben gelandet war. Die Zukunft erschien ihr nun plötzlich alles andere als hell. Sie begann, sich nun selber zu verwünschen wegen der vielen guten Gelegenheiten, die sie abgelehnt hatte. Ihr Leben erschien ihr bald schon nur noch bitter und aussichtslos. Doch auch ihr wachsendes Selbstmitleid änderte daran wenig.

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Ihr Vater sorgte sich um sie und machte sich grosse Vorwürfe. Als er sie dann besuchen kam, klagte Sedna ihm ihr grosses Unglück. Er bekam Mitleid und wollte sie wieder mit sich nach Hause nehmen. Also setzte er sie in sein Kajak und fuhr los. Doch bald schon entdeckte der Rabe die Flucht, und er sann auf Rache. Er holte sich die Stürme zur Verstärkung und für die beiden im kleinen Boot wurde es nun draussen am weiten Meer ziemlich ungemütlich. Der Vater erkannte sofort den Grund dafür. Doch weil ihm eigentlich nur sein Leben lieb war, stiess er seine Tochter ganz einfach hinaus aus dem Boot.

Als diese sich verzweifelt am Kajak anzuklammern versuchte, schnitt ihr der Vater kurzerhand mit einem Messer die Finger ab. Noch einmal versuchte sie sich festzuhalten, wenn auch nur mehr mit ihren verstümmelten Armen. Doch auch sie trennte der Vater ihr durch und schlug ihr mit dem Ruder ins Gesicht. Daraufhin glitt sie hinunter im eisigen Wasser, bis an den Grund des Meeres.

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Wie lange sie dort in den unerreichbaren Tiefen gelegen hatte, weiss keiner. Ihr verletzter Körper war umgeben von der eisigen Stille und Finsternis. Als sie erwachte, spürte sie eine Kraft um sich herum. Sie sah sich um und bemerkte, dass sich aus ihren abgetrennten Fingern und Armen Meerestiere gebildet hatten: Fische, Robben, Delphine und Wale. Unendlich viele davon kamen noch immer aus ihren Armstümmeln hervor. Sie alle aber begleiteten Sedna ab nun auf ihrer Reise durch die unteren Welten. Das stille Mädchen der oberen Welt entwickelte neue Kraft – ihre Kraft – und bald schon war sie zur Königin der tiefen Meere geworden, Herrin über Tod und Leben, und sie diente treu ihrem Volke, indem sie es mit lebenserhaltender Nahrung versorgte. Nur in ihrer Entscheidung lag es, wieviele von diesen Tieren zur Nahrung dienen sollten. Ihre Regeln dafür waren streng. Sobald sie verletzt wurden, begannen Sednas Arme zu schmerzen, und sie rächte sich an den Übeltätern. Danach musste Schamane zu ihr hinunter tauchen und sie um Verzeihung bitten. Dann musste er ihr Haar kämmen, denn ohne Finger und Arme konnte sie es selbst nicht tun. Schliesslich musste er ihr versprechen, sich um die Seelen der missbrauchten Tiere zu kümmern und in den Gesang des Lebens mit Sedna einstimmen. Erst nachdem sie seine Bitte angenommen hatte, war es ihm erlaubt, zurück zu kehren und den Menschen die Nachricht zu bringen von ihrer Vergebung und davon, dass ihre nährende Unterstützung wieder aufrecht sei.

Es wird auch erzählt, dass Sedna immer dann in Begleitung des Unterwelt-Hundes erscheint, wenn jemand aus ihrem Volk sich zur Reise in die andere Welt anschickt. Sie selbst bringt die Seelen schliesslich nach Hause.

 

Quellen:

  • Exerpt from Goddess & Heroines by Patricia Monaghan, internet
  • Göttinnen-Geflüster, Amy Sophia Marashinsky, Schirner Verlag

Fortsetzung folgt…

Sedna-Bilder: Vancouver International Airport (Canada)

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