Bären-Kräfte

Am Tag nach der Arbeit mit jenen Kräften, welche die Samen der Menschen und der Erde immer wieder gestört, manipuliert oder zu vernichten versucht haben, zeigte sich die Höhle der Eisbären in Form eines grossen Samen oder Tropfens und aus seinem Inneren heraus erstrahlte ein Kristall. Es wurde sichtbar, wie sie nun immer mehr ihrer wahren Aufgabe als Sonnenbären nachkommen konnten. Ein intensiver Wirbel hatte den Eisberg in Bewegung versetzt.

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Gleichzeitig begann diese tropfen-förmige Öffnung auch im Nacken spürbar zu werden und ein Lichtschimmer zeigte sich auch hier. Die Reinungskräfte wirken noch einmal intensiv – – – als ich erfuhr, dass die für den nächsten Tag angesetzte Tour mit dem Schneemobil aufgrund von fehlenden Anmeldungen abgesagt werden musste… und ich umgebucht werden würde auf eine andere, noch viel längere Tour. Eigentlich wäre es eine Fahrt zur russischen Siedlung „Barentsburg“ gewesen, doch nun ging es hinaus ans Meer ganz im Westen.

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Mein Respekt vor solchen grossen Maschinen ist einigermassen hoch und nun zu wissen, dass die Zeit damit noch länger werden würde, war wenig beruhigend. Aber ich wusste, dass es aus irgend einem Grund notwendig war, über das Land zu fahren und die Kräfte, die nun in Bewegung geraten sind, zu spüren und zu beobachten.

Die Verbindung zum Bären-Kristall, wie ich ihn dann nannte, war in den kommenden Stunden sehr intensiv. Und gegen ein Uhr nachts wachte ich auf, weil ein Summen über dem Ort lag. Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich dann den feinen Schein einer Aurora oder auch Nord-Licht genannt.

Früh am Morgen ging es dann bereits los. Wir waren eine kleine Gruppe für die Tour nach „Isfjorden Radio“, einer Radiostation aus vergangenen Zeiten (auch im letzten Weltkrieg verwendet) und heute ein winziger Luxus-Touristenort.

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Die Einführung zur Tour war nur kurz, während das Anlegen der schweren Ausrüstung schon um einiges länger dauerte und im warmen Ausgaberaum kaum erträglich war. Dann das Starten der (zum Teil neuen) Maschinen mit einem tiefen Surren, noch einmal eine kurze technische Erklärung und ein Sicherstellen, dass alles geschlossen, winddicht und fahrtauglich ist. Der Führer legte seine Waffe an… und die Fahrt begann. Ein Schnee-Scooter reihte sich an den anderen an, in genau vorgegebenen Abständen.

Der Tag begann mit einem grandiosen Sonnen-Licht-Schauspiel vor uns im Osten… und als die schweren Maschinen brummend über das weite Tal zogen, war es, als würden wir einer grossen Öffnung entgegen fahren und ich spürte das begleitende Leuchten, das aus der Bären-Eishöhle kam.

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Die Ebene hinter uns war längst verschwunden und wir befanden uns in der langen Auffahrt und auf gewundenen Wegen durch die Berge. Die Spuren waren oft eisig, Felsbrocken im Weg… und die metallbeschichteten Skier ratterten funkensprühend darüber hinweg, während die breite Mittelraupe alles stabilisierte. Zweihundertfünzig bis dreihundert Kilogramm einer solchen Maschine liegen zwar schwer am Boden, doch hat der Körper darauf sämtliche Bewegungen auszugleichen und alle Schieflagen mussten gegen-balanciert werden.

Der Himmel verfinsterte sich langsam und wir befanden uns bald wieder im Dämmerungsmodus. Immer wieder stoben Rentiere vor uns auseinander. Wir hatten gerade ihre Ruhe gestört.

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Immer wieder leuchtete der Kristall in der Bärenhöhle auf, auch dann, wenn wir in wilder Fahrt (bis zu 80 km/h) unterwegs waren. Hin und wieder gab es kleine Stopps, die dann bis zu unserem Ziel immer seltener wurden.

Da war Bewegung unter uns im Boden, während die schneebedeckte Landschaft in wechselnden Farben an uns vorbeizog. Sie in Ruhe zu geniessen war für diese Tour wohl nicht vorgesehen… denn die Konzentration galt alleine unseren Maschinen. Ein Blick zur Seite und schon kann man abgeglitten sein von der Spur und damit in eine gefährliche Situation kommen.

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Der Einfluss des Neumondes und der Sonnenfinsternis wurde langsam spürbar. Das zeigte sich für uns so, dass wir zunehmed in äusserst herausfordernde Situationen gerieten. Der Guide wollte ein Route nehmen, die abseits von der grösseren Spur verlief bzw. überhaupt im Neuschnee. Das aber ging nur kurz. Und ich sah die Maschine vor mir im Eis taumeln, während meine fast einzubrechen begann. Mit einer kurzen Beschleunigung konnte ich das zwar gerade noch verhindern, doch vor mir stand die Maschine in der Kurve still und ich krachte auf sie auf. Dann begann ein Hin- und Her-Schlittern auf einer spiegelglatten Eisfläche. Glücklicherweise sind diese Maschinen enorm stabil und es gab keine wirklichen Verletzungen oder Schäden. Wir mussten umkehren, denn es war zu gefährlich.

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Damit aber ging das Drama weiter. Eine Maschine rutschte über dem Geröll weg und kippte um. Die nächsten beiden blieben wieder im gebrochenen Eis hängen. Es dauerte eine Weile, bis alles wieder aufgelöst und fahrtauglich war. Der Guide fand das eher noch lustig.

Wir setzten unsere Fahrt fort, steile Hänge hinauf und super-enge Kurven in die Berge hinein. Es ging dabei immer wieder darum, den Tanz der Maschine mitzutanzen, anstatt sie zu lenken zu versuchen. Und dennoch war es beides und ein hohes Mass an Gespür dafür, was gerade noch möglich ist und wie man für die eigene Sicherheit sorgt.

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Lange Zeit später ging es endlich hinunter in die Ebene. Vor uns lag das Meer und weit vorne der kleine Ort, den wir zum späten Mittagessen dann erreichten. Es gab Rentier-Gulasch, das vermutlich nie zu meinem Lieblingsessen gehören wird. Aber es war meine Aufgabe jetzt, dem Geist der Rentiere zu danken für seine Bestärkung, seine Ruhe und Gelassenheit und dafür, dass er uns jetzt nährte. Aus völliger Kargheit und durch den Schnee hindurch holt so ein Tier alles heraus, was es braucht.

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Bei einem Gang um das Gelände war es vor allem der Blick hinauf zum Nordpol, der mir eindrücklich zeigen sollte, was hier an Arbeit geschehen war und es war ein Staunen das mich erfüllte, obwohl es wohl noch eine Weile dauern wird, um all diese unbeschreiblichen Eindrücke zu verarbeiten. Es war gross… und ganz von den Sonnenkräften der Bären erfüllt.

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Der Kristall aus ihrer Höhle begann zu blinken, als wir uns auf den Rückweg machten. Entlang des Meeres zogen wir neue Spuren und plötzlich war da die Sonne… Minutenlang spürten wir ihre Strahlen.

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Und als sie am Horizont hinunter sank, begann sie, ihr Licht in vielen Farben in die Landschaft zu malen. Zuerst zeigten die Berge ein zartes Rosa, dann ein Orange… bis schliesslich vor dem endgültigen Dunkel-Werden ein zartes Hellblau das Ende des Tageslichtes auf den Berggipfel zauberte, den wir gerade in wilder Tour umkreisten.

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Die Präsenz der Bären war zu spüren, obwohl sie in diesem Bereich der Inselgruppe wenig zu sehen sind. Vielmehr befinden sich ihre Eisberge weit drüben im Osten und viel weiter nördlich noch.

Wir hatten wenig Ahnung, dass nun erst das herausforderndste Stück unserer Fahrt vor uns lag und gefühlsmässig wurde es zur Unendlichkeit. Wir wurden Abhänge hinunter geschickt, die man bei Tageslicht nur mit grossem Respekt betrachten würde… und wir sahen ab nun auch nur mehr das Rücklicht der vor uns fahrenden Maschine. Der Weg war jetzt selber zu finden.

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Ich spürte das Glitzern des Kristalles aus der Eisbären-Höhle in meinem Nacken, während Müdigkeit sich breit machte. Selbst die Jüngeren unter uns waren sich bewusst, dass nun jede Körperzelle in ihrer Leistungsfähigkeit an eine Grenze gekommen war. Die Hände schmerzten und bei manchen noch vieles mehr. Ich hatte den Vorteil, dass man Körper immer wieder sehr flexibel sein kann.

An die Grenzen gehen und sie überschreiten – oft sogar sehr weit – das war an diesem Tag auch immer wieder ganz zentral und wichtig. Es war nun dieses Einswerden mit der Maschine, die uns führte, während wir versuchten, sie so gut wie möglich zu lenken und einfach auf Kurs zu bleiben.

Wir waren gerade in einem Gebiet unterwegs, in das Touristen ansonsten kaum kommen. Im Neuschnee stoben die Maschinen dahin. Der Wind blies uns ins Gesicht. Doch inmitten dieser überaus fordernden Passage war da plötzlich die Nachricht von den Eisbären, dass alles gemacht sei… dass die Sternensaat wieder eingefüllt war und damit jedem von uns wieder zur Verfügung stehen würde… Und es war, als würden meine Maschine zu einem Schlitten werden, der nun sanft über das kostbare Land glitt. Es war von einer Kraft erfüllt, die unbeschreiblich ist und der Schnee leuchtete unter den Kufen, während die Bären sich zum Empfang bereit machten.

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Vor uns und weit unten noch lag nun der Ort Langyearbyen… Wie Reiter, die aus der Wüste auftauchen, reihten wir uns auf, um den Abstieg anzutreten und heimzukehren. Für mich war es die Heimkehr in die Sonnen-Kraft der Bären, der Mütterlichkeit und der schamanischen Führung, die mich durch diese Tage hier begleitet und getragen hat.

Der Tag aber war nach ungefähr 230 gefahrenen Kilometern noch lange nicht zu Ende, denn noch einmal weckten mich die Auroras – eine Art magnetischer Entladungen der Sonne, welche mit den Polen kommuniziert. Man spürt es und hört es… Viele Schichten an Kleidung anzuziehen zu müssen aber war zu dieser späten Nachstunde mehr als herausfordernd. Doch das flammende Lichtspiel über uns, das weit in das Weltall hineinreichte, war der krönende Abschluß dieses Tages, an dem auf einer bestimmten Ebene eine ganz alte Geschichte zu Ende ging… und eine neue begann.

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Heute war der Tag, an dem die ersten Sonnenstrahlen in den Ort fielen und es fand eine grosse Feier drüben bei der Kirche statt. Entgegen der Wettervorhersagen war es wolkenlos. Es war für mich berührend zu erleben, wie für diese Menschen, die monatelang in der Finsternis gelebt haben, die Rückkehr des Sonnenlicht ein neues Leben bedeutet. Und es wird nun sehr schnell gehen. Bereits im April nämlich wird es hier nicht mehr finster werden.

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Wir hatten heute auch viele Ausfälle. Zuerst gab es keinen Strom, kein Internet, keine Heizung (und damit keinen Kaffee) … im ganzen Ort. Und später fiel noch einmal das Heizungssystem aus. Die Sonnenfinsternis nähert sich und in wenigen Stunden, nämlich kurz nach Mitternacht, ist es soweit.

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Ich werde zu dieser Zeit hinunter gehen zum Meer. Das ist eine lange Wanderung. In meinen Händen werde ich jenen Lapislazuli halten, den ich mitgebracht habe und der eine wunderschöne Tropfen- oder Samenform hat. Mit dem Blick zum Nordpol wird er dann im Meer landen, um dort die Bärenkräfte zu verankern, die als neuer Same gerade zu uns zurückgekehrt sind.

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Diese Bilder stammen von Jim McNeill (BBC London), der gerade hier eine seiner aufregenden Expeditionen leitet… www.ice-warrior.com

Gerade als ich diesen Bericht fertig schreibe, flammen draussen die Auroras wieder auf und über mir geht eine Licht-Flamme durch das Sternbild des „Grossen Bären“. Es stürmt.

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Damit verabschiede ich mich aus Svalbard / Spitzbergen. Morgen beginnt der Rückflug mit einer langen Nacht am Flughafen von Oslo…

(Auch dieser Artikel wird später erst in seine endgültige Form kommen!)

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