Donau 2

Geheimnisvoll lag der Ursprung des einzigen Flusses der Welt, welcher von der Mündung (= Null Kilometer) rückwärts gemessen wird [1], nun hinter mir… und geheimnisvoll ging es weiter über das Land, wo Strassen und Fluss sich manchmal trafen, um dann wieder ihre eigenen Wege zu gehen. Manchmal ging die Spur auch verloren. Sobald die Donau aber wieder in Sichtweite kam war es, als wären wir nie auseinander gegangen… Jedesmal, wenn ich eine Brücke über den zunehmend grösser werdenden Fluss befuhr, war da ein Flimmern und eine Aufregung, die nur schwer beschrieben werden kann. Danu, die Göttin dieses Flusses, war überaus präsent.

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Kasernen und Kraftwerke gab es von Anfang an viele. Doch Danu, die Grosse, beruhigte, indem sie mir immer wieder zuflüsterte: „Einfach durchfliessen lassen!“

Kurz nach dem Ort Immendingen war dann eine erste Besonderheit zu finden, die jedoch aufgrund der vorherigen Hochwasser weniger ausgeprägt war, als sie es sonst um diese Zeit sein sollte: Man nennt es die „Donau Versickerung“, denn der Fluss scheint hier in den Sommermonaten einfach zu verschwinden – und das auf einer Länge von bis zu fünf Kilometern und meistens mehr als ein halbes Jahr lang.

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In Wirklichkeit aber begibt sich sein Wasser aufgrund des wasserlöslichen Kalkgesteins in eine ausgeprägtes unterirdisches Höhlensystem… und es teilt sich in den Weiterfluss und in einen Fluss, der unterirdisch weitergeht und später dann in den Bodensee hinein fliesst. Mit ihm aber kommt das Donauwasser über den Rhein bis hinauf zur Nordsee – was die Bedeutung und das Geheimnisvolle dieses Flusse noch einmal verstärkt.

Donaueschingen lag also in einiger Entfernung schon. Doch wir blickten noch einmal zurück zur Heimat der Donau, die jetzt wie ein grosser Kreis erschien, in dem ihre „Grossmütter“ standen, die Weisen der Völker.

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Seit Jahrhunderten hatte man dort versucht, sie unter fürstliche Herrschaft zu stellen und so ihr lebendiges Kraft- und Schutzband unter Kontrolle zu halten. Wo immer sie es auszurollen wagte, band man es umgehend in den Boden hinein. Man durchtrennte dabei immer wieder ihre Wurzeln und schliesslich gab man ihr ersatzmässig eine „Quelle von Fürstens Gnaden“. Doch Wurzeln lassen sich nie wirklich ganz zerstören… und so haben sie im Untergrund daran weiter gewoben, bis die Zeit kommen wird, da sie wieder ins Freie treten konnten: die Grossmütter und Danu, die Donau-Göttin.

Die Legende, nach der „Mutter Baar“ (das Hügelland um Donaueschingen) ihrer Tochter, der Donau, den Weg nach Osten weist, hat eine grosse Wahrheit in sich, weil sie aufzeigt, dass es sich hier um eine zutiefst weibliche Angelegenheit handelt. Doch ist es weit mehr als nur das…

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Hier, an der Versickerungstelle der Donau, erfährt man von einer Ur-Donau, welche enorme Wassermengen aus den Alpen sammelte und weiter transportierte. Die heutige Donau sei nur mehr 5% von dem, was sie einst gewesen war. Man spricht auch von einem Kampf zwischen Donau und Rhein… und überträgt dabei wieder einmal die patriarchale Kriegssprache auf weibliches Terrain.

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Die Heimat der Donau in den Alpen, das alte Atlantis… viele Geheimnisse öffnen sich nun, während Danu sanft die Schleier wegzog und ihr ursprüngliches Band weiterwebte… Atlantis bedeutete nicht nur den Verlust der Königskraft und die Opferung des Sohnes, was über den neuen Todeskult bis heute zelebriert wird, sondern es bedeutete vor allem die Entfernung der Königin und Mutter (z.B. Cassiopeia), sodass der Zugang zur Tochter versperrt war. Sohn und Tochter als die dritte Kraft, welche aus Vater und Mutter hervorgehen, waren tot, ausgeschlossen von der Nachfolge… Das ist der „grüne Strahl“, über den man die Löwen-Sphinx gestellt hat, auf dass er auf ewig verschlossen sei. Das Kind in uns hat seither keine Berechtigung mehr. Und wir spüren das… auch wenn wir es kaum benennen können.

Doch Danu, die Göttin dieses zentralen Flusses, weiss darum, denn sie kennt die alten Geschichten „aus erster Hand“. Sie weiss auch, dass das Wasser das Land führt und lenkt und es in seine Hüterschaft nimmt – anders als die Legende von „Mutter Baar“ es uns glauben macht. Durch ihr Wasser entstehen jene Kanäle, welche das Land dann mit der Kraft von oben und unten verbinden…

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Anders auch, als die Informationstafeln an diesem Platz des Rückzugs der Donau es beschreiben, kämpfen Flüsse niemals gegeneinander. Vielmehr bleiben sie im fliessen und folgen der Schwerkraft. Und sie tun dabei einfach, was sie tun…

Danu nahm mich nun zur Seite, um mir stolz ein Geheimnis zu zeigen… ein zartes, leicht bläuliches Band, welches sich von ihrer „Heimat“ bis zu uns her zog. Und als ich den rohen Lapislazuli wieder in ihr Wasser tauchte, spürte ich die Herkunft der Kraft dieses Bandes in dem, was wir als Einhornkraft bezeichnen – etwas, das unberührbar zwischen „Himmel und Erde“ liegt und sich dort, wo die Empfänglichkeit da ist, fest mit einem bestimmten Bereich der Erde verbindet und ihm eine endlose Kraft verleiht. Es sind dies vor allem die Erd- und Drachenpunkte und ihre Erd- und Drachenhüter… und von ihnen gibt es viele entlang dieses Flusses wie auch entlang manch anderer Flüsse.

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Auf diesem absoluten Wasserplaneten sind sie es also, die das Land formen, die es kühlen und ihm ihre Kraft einprägen – die Grossmütter der Flüsse, die Göttinnen der Meere. Ein solcher Planet ist eben auch von anderer Qualität, als einer, der vom Feuer geprägt ist… Damit aber haben die Besatzer der Erde von Anbeginn an in keiner Weise umgehen können. Und so haben sie die weiblichen Wesenheiten an den Gewässern umfunktioniert und ihnen männlich-allmächtige Götter vorgesetzt (Neptun, Poseidon…) – deren Kult jedoch gerade am Auslaufen ist.

Und sie haben Klammern in die Gewässer und ihre Landschaften hinein gemacht und Schlösser (und Burgen). Schlösser verschliessen und beschweren. Klöster ebenso. Ihre Aufgabe ist es, abzulenken. Der Blick wird vom Wesentlichen – vom Wasser, vom inneren Fliessen – abgelenkt und es wird den Menschen damit suggeriert, dass das die einzig wahre Kultur ist. Innere Kultivierung wird damit an den Rand gedrängt.

Was zählt, ist also all das, was gross und eindrucksvoll erscheint, was Macht repräsentiert – Übermacht über den kleinen Menschenwurm. Das Wort „katholisch“ bedeutet übrigens „allumfassend“, womit klar und deutlich gesagt wird, dass das, was es hervorbringt, eben alles umfasst… mit der weltlichen Macht als verlängertem Arm. Es sieht deshalb alles auch sehr ähnlich aus: monumental und zumeist von oben herabschauend.

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Der Weg führte nun weiter durch das sogenannte obere Donautal – mit zahlreichen Burgen, Schlössern und Klöstern. Und so bewegten wir uns entlang dieser Kette von Kulturfestungen… Danu und ich, und ihr Motto dabei blieb immer dasselbe: „Einfach weiter fliessen“.

Es war ein intuitives Fahren und Suchen, Finden und Gefunden-Werden. Zu einer genaueren Vorbereitung gab es keine Zeit und vielleicht war genau das wichtig auf dieser Reise. Freilich hätte ich bestimmte Bereiche auch gerne ausführlicher besucht und betrachtet. Doch wurde ich immer wieder daran erinnert, dass es hier um etwas ganz anderes ging…

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Eine Art Höhenstrasse führte hinauf, durch einen Wald. Und dann war da dieser wunderbare Ausblick über ein weites Tal, durch welches sich der Fluss schlängelte wie eine anmutige Schlange. Ganz am „vorderen Ende“ stand ein Kloster, genannt Beuron. Es war ein Durchatmen in einem kühlen Wald an diesem ansonsten überaus hitzigen Tag. Für eine Weile betrachteten wir schweigend diese Schönheit und Fülle…

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Als ich dann am Ort Beuron vorbeifuhr und dahinter parkte, um das Wasser zu berühren, sah ich erst, dass sich hier eine grosse Schlinge befand und danach sich ein schroffes Tal eröffnete… mit vielen kleinen Tunnels und markanten Felsformationen.

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Danach sollte ich noch die kleine Stadt Sigmaringen berühren, einige andere Orte aber nur von aussen sehen… um dazwischen immer wieder direkt am Fluss einen kleinen Stopp einzulegen. Gelsenschwärme umschwirrten mich ab nun, wo auch immer ich die Autotüre öffnete.

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Wegen der kaputten Klimaanlage war es notwendig, das Gebläse auf der höchsten Stufe eingeschaltet zu lassen, was stundenlang einen enormen Lärmpegel bedeutete… Und der Tag war noch immer nicht zu Ende. Es war jedoch bereits Abend geworden.

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Mit Ulm kam ich dann in die erste von mehreren grösseren Städten entlang des Flusses… Ich war am Tor zu Bayern angekommen. Für mich freilich war es wie ein Zusammenprall von Welten: Eingestimmt sein auf alle Ebenen … und dann einfahren müssen in einen Bereich, der zum einen von „oben“ abgeschnitten ist und dem andererseits auch die Wurzeln fehlen – das ist, als würde man plötzlich einen Schlag versetzt bekommen. Die Antennen sind eingeknickt und die inneren Leitkräfte versagen…

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Nach dem Ende der Autobahn war die Einfahrt in die Stadt mehrspurig. Bei uns in Österreich werden solche Strassen-„Spangen“ in Geschwindigkeiten zwischen 80 und 100 weitergeführt. Hier aber schien die Ortstafel gleichzeitig eine viel niedrigere Begrenzung zu bedeuten, nämlich 50 kmh, während alle aber mit zirka 70 kmh weiterfuhren. Hinter der Tafel aber blitzte es…

Es war auch das erste Mal, dass ich eine solche Arbeit mit einem Auto zu machen hatte und das war sehr ungewohnt, um es bescheiden auszudrücken. Auch sonst benutze ich ein solches Fahrzeug nur sehr wenig, weil hier der Mensch mit einer Technik konfrontiert und kontrolliert wird, in der er selber wenig bis gar nichts zählt. Warum das so ist, verstehen wir erst, wenn wir begreifen, dass über sie (wie über vieles andere) der alte Todeskult bestens in Gang gehalten – und dieser Kult braucht eben seine Opfer. Denn ansonsten gäbe es Möglichkeiten der Mobilität, die sicher sind für alle und die den Menschen als ganzen mit einbeziehen, anstatt ihn ständig allen möglichen Wahnsinnigkeiten auszusetzen.

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Es war bereits ein wenig dämrig geworden, als ich durch die Stadt fuhr. Und sie hatte etwas sehr Eigenartiges für mich, doch ich konnte es nicht benennen. Freilich wusste ich von ihrem berühmten Münster mit dem höchstem Kirchturm der Welt und dass sie als bayrisches Juwel seit zweihundert Jahren davon getrennt worden war. Doch ich fuhr einfach nur durch.

Erst jetzt, als ich diese Zeilen schreibe, verstehe ich, warum es auf diese Weise gelaufen war: Sowohl Albert Einstein, der im Bereich der atomaren Spaltung Berühmtheit erlangt hat, als auch die Geschwister Hans und Sophie Scholl zählen zu den berühmten Persönlichkeiten dieser Stadt. Die beiden waren im zweiten Weltkrieg als Münchner Studenten ein Teil der Widerstandsgruppe „Weisse Rose“ und wurden 1943 deswegen von den Nazi enthauptet.

Etwas aus meiner Vergangenheit hatte mich hier also wieder berührt. Darüber habe ich in einem meiner Bücher bereits geschrieben … und auch Danu erinnerte sich an Ereignisse, die noch mit Atlantis zusammen hängen. Alles aber ist auf eine bestimmte Weise eng miteinander verknüpft.

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Kurze Zeit später war ich also wieder draussen aus etwas, das mir wie ein Loch erschienen war… unterwegs nun Richtung Ingolstadt – vorbei noch an Günzburg, Dillingen und Donauwörth. Es war Zeit geworden, mir für diese Nacht endlich eine Unterkunft zu suchen. Aber es nahm noch einige Zeit in Anspruch, weil durch die vielen Sommer- und Dorffeste überall gerade „Hochbetrieb war.

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Irgendwo in der Nähe des Flusses sollte der Platz liegen, das war das einzige Kriterium. Und ich fand schliesslich, was ich suchte, in einem abgelegenen Ort, der nicht einmal mehr ein Dorf war. Der Anblick meines kleinen Zimmers liess mich schmunzeln und Danu nickte: es ging hier immer mehr um die Vereinigung der Kräfte, die grosse Hoch-Zeit also… Zum Essen war ich zu müde und so genügte kühlendes Wasser auf der Haut und zum Trinken, um diesen Tag zu beenden.

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[1] in Furtwangen gilt für die Kilometerzählung 2888 (als Ausgangspunkt), dann gibt es noch weitere, wie eben 2779 am Zusammenfluss von Breg und Brigach oder auch 2840 und andere